Antifa ist pop

Antifa ist pop – Zur populärkulturellen Konstituierung einer radikalen Linken

Claus-M. Wolfschlag

Die von Hans-Helmuth Knütter als „Herrschaftsinstrument der Linken“ dargestellte Faschismuskeule kann nicht zuletzt deshalb so effektiv gegen politische Opposition eingesetzt werden, weil dieser „Antifaschismus“, welcher diese Keule schwingt, mit Hilfe etablierter Kräfte in der Bundesrepublik Deutschland populärkulturell fest verankert ist.

Diese Tatsache und die Mechanismen werden in dem hiermit online gestellten Aufsatz von Claus-M. Wolfschlag ausführlich dargestellt. Dieser im Jahr 2002 veröffentlichte Aussatz hat noch nichts an Aktualität eingebüßt, mögen zwischenzeitlich auch neue Akteure aufgetreten sein und sich die Musikmoden geändert haben. Maßgebend für den Erfolg der Strategie, den Antifaschismus popkulturell zu verankern, ist die Erkenntnis, daß nicht Inhalte, Ideologien oder Utopien am Anfang des 21. Jahrhunderts noch die politischen Orientierungslinien bestimmen. Statt dessen haben Chiffren, Bilder, Gefühlsstimmungen diese Rolle übernommen. Politik ist Marketing geworden, geschickt mit Suggestionen und Assoziationen der politischen „Zielkonsumenten“, der Wähler, spielend. Nicht mehr die Hochkultur des hehren Gedankens, des visionären Konstrukts bestimmt das Verhalten der Massen, sondern die Populärkultur der flüchtigen Bilder und Stimmungsumfragen. Weniger das eigene Erleben und die Ordnung der persönlichen Erfahrungseindrücke formen die politische Einstellung zu den Gegenwartsphänomenen denn das medial vermittelte Image, das ins Unterbewußte eingedrungene Klischee aus den Hochglanzmagazinen und Fernsehreportagen.

Dementsprechend setzt der Linksextremismus auf die Rockmusik und veranstaltet „Rock gegen Rechts“-Konzerte. Die Bewegung eines „antifaschistischen Festivals“ wurde getragen von einem breiten Bündnis aus linksgerichteten Gewerkschaftern, „Jungsozialisten“, lokalen Initiativen der politischen Linken, Musikern bis hin zu Fischers „Spontis“ und kommunistischen Gruppierungen, vor allem der SDAJ-Zeitung „elan“. Die Idee war strategisch genial. Die Kombination aus politischer Botschaft, Rockkonzert und Open-Air-Happening für Zehntausende junge Menschen verlieh der politischen Linken das Image einer jugendbewußten, lebensbejahenden Strömung, ganz im Gegensatz zu den hilflos grummelnden und mit erhobenem Zeigefinger warnenden CDU-Spießern. Der Impuls derartige Pop-Musik propagandistisch einzusetzen kam dann jedoch dann von Barbara John, CDU-Mitglied und Ausländerbeauftragte des Berliner Senats: Alternative Kommunikationsformen wie Hip-Hop, Breakdance und Graffiti haben deutsch-türkische Jugendliche nicht nur über die Medien erreicht, sondern wurden in Berlin vor allem über ganz bestimmte Institutionen vermittelt. Berliner Jugendtreffs und Jugendzentren und der Berliner Senat spielten eine entscheidende Rolle dabei, daß Hip-Hop unter deutsch-türkischen Jugendlichen so populär wurde. Anfang der neunziger Jahre begann eine ganze Reihe Sozialarbeiter (besonders in Gegenden mit einer allgemein hohen Konzentration von Migranten und speziell von Deutsch-Türken), aus städtischen Jugendzentren heraus Hip-Hop-Events für Jugendliche anzuregen und zu organisieren … Schon 1988 organisierte diese Ausländerbeauftragte die Reihe ‚Disco& Döner‘ für die ‚ausländische‘ und deutsche Jugend – ein frühes Beispiel für die institutionelle Steuerung dieser Prozesse. Dies erreichte einen Höhepunkt in der Hochphase der „Lichterketten“-Bewegung. Am 9. 11. 1992 kamen in Köln 100.000 Besucher zu dem „Open-Air“-Konzert „Arsch huh, Zängussenander“ zusammen. Vier Tage später, am 13. 11. 1992, erreichte das Frankfurter Konzert „Heute die – morgen du!“ gar den Besucherrekord von 200.000 Gästen. Dabei bediente man sich bekannterer Namen als der üblichen lokalen Dixieland- Jazz-Kapellen von SPD-Sommerfesten. Die „antifaschistische“ Strategie der politischen Linken funktioniert über die beständige Scheidung diskursiver Äußerungen in „förderungswürdig“, „tolerabel“ oder „feindlich“ (also faktisch „auszumerzen“). Daß dieser Dualismus längst im etablierten Pressewesen Fuß gefaßt hat, offenbarte beispielsweise 1999 der Chefredakteur des Magazins der „Süddeutschen Zeitung“ als er in einem Interview die spezifische Scheidung, in „böse“, „vergangenheitsorientierte“, „reaktionäre“ und in „gute, fortschrittliche“ Kulturströmungen vollzog: „Popkultur wirkt dann positiv, wenn sie den gesellschaftlichen Diskursen den reaktionären Saft entziehen kann oder wenn sie das Reaktionäre gesamtgesellschaftlich so weit ausgrenzt, daß es für die Leute unattraktiv wird.“

Aus dem Marxschen „Proletariat“ ist dabei die „synkretistische Migranten-Kultur westlicher Metropolen“ geworden, die eine neue cross-kulturelle, egalitäre Gesellschaft aufzubauen berufen sei. Der der aktiven „Antifa“ und einer neuformierten politischen Linken wird dabei empfohlen, die „subversiven kulturellen Mittel der Migranten“ in die eigenen Strategiepläne einzubauen. Die schleichende Machtübernahme der Gesellschaft durch Einwanderergruppen, die sich nicht der „deutschen Sauerkraut- Kultur“ fügten, würde zur gesellschaftlichen Modernisierung führen. Der zu früh totgesagte Marxismus ist auferstanden als „schwarze Weltrevolution“ im Spenglerschen Sinne – und er soll über die Deklassierung der angeblich unterdrückerischen weißen Welt zum neuen Reich der sozialen Gleichheit führen. Um den Kampf gegen den „Rassismus“, also damit auch die Reste ethnisch-territorialer Abgrenzungsbestrebungen, und die überall lauernde Ausbeutung zu führen, gelte es, ein globales „cross-kulturelles“ Netzwerk im popkulturellen Bereich aufzubauen. Das nennt man politische Instrumentalisierung pur. Opposition dagegen wird mit der „Faschismuskeule“ erledigt.

Hinweis
Der hiermit online gestellte Text zur populärkulturellen Konstituierung einer radikalen Linken stellt einen Beitrag zu dem von Hans-Helmuth Knütter / Stefan Winckler herausgegebenem Handbuch zum Linksextremismus. Die unterschätzte Gefahr, Leopold Stocker Verlag, Graz 2002, 335 Seiten dar.

Hans-Helmuth Knütter, Stefan Winckler (Hrsg.)
Handbuch des Linksextremismus – Die unterschätzte Gefahr
Leopold Stocker Verlag, Graz, gebunden, 260 Seiten, 1. Auflage 2002
ISBN-10 : 370200968X, ISBN-13 : 978-3702009687
Das Buch ist in der Regel nur noch antiquarisch erhältlich, gelegentlich hier

Die Redaktion von www.links-enttarnt.de dankt dem Leopold Stocker Verlag, Graz, für die Freigabe des Beitrages von Claus-M. Wolfschlag zur online-Stellung auf dieser Internetseite.

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