Sozialismusbewältigung Teil 20

Teil 20: Amerikanismus als Sozialismusvariante

Josef Schülburner

(17.12.2021) Der Verwirklichung eines christlichen Sozialismus durch die deutsche Christdemokratie standen vor allem die Vorgaben der Besatzungs- und Führungsmacht USA entgegen, die sich im Ost-Westkonflikt streng antikommunistisch und prokapitalistisch präsentierte. Auch wegen der dadurch bedingten Anpassung an die USA glaubt die deutsche Christdemokratie eine Partei der „Mitte“ zu sein. Gerade diese als „ultraozeanisch“ (im Unterschied zu ursprünglich „ultramontan“) zu kennzeichnende Anhänglichkeit an die USA stellt aber insbesondere seit Untergang der Sowjetunion einen Grund für die unausgesprochene Rückkehr zum christlichen Sozialismus dar. Da sich die USA nicht mehr als Gegenpol zum Sowjetkommunismus präsentieren müssen, gewinnt der dem Amerikanismus in einer zentralen Weise zugrundeliegende Egalitarismus, der zunehmend in eine sozialistische Richtung führt, eine zentrale Bedeutung. Vor einer derartigen Entwicklung des Egalitarismus hatte bereits Tocqueville in seiner unübertroffenen Analyse der zeitgenössischen amerikanischen democracy gewarnt, wobei diese als Schlagwort aufgrund der ideologischen Auswirkungen der Französischen Revolution mit der Präsidentschaft des Linkspopulisten und Indianerkriegers Andrew Jackson den ursprünglichen republicanism abgelöst hatte.  

Die USA gehen wesentlich auf den den mittelalterlichen Ketzersozialismus repräsentierenden Sektenprotestantismus zurück, wobei die Anfänge des Amerikanismus durch die „Pilgerväter“ in einem Zeitraum erfolgte als der gewaltsame Chiliasmus des sozialistisch ausgerichteten Ketzerchristentums, letztmalig vertreten durch die englischen Levellers (Gleichmacher), aufgrund der staatlichen Etablierung des Protestantismus im Abklingen war. Dieser ins Sozialistische führende Chiliasmus war im Selbstverständnis der USA als auserwählter Welterlösungsnation jedoch immer präsent und kommt nunmehr auch durch eine zunehmende explizite Zustimmung zur Idee des Sozialismus zum Ausdruck. Damit korrespondiert die Entwicklung, daß schon in der Endphase des Sowjetkommunismus die politische Linke Europas ihre utopischen Hoffnungen auf die USA zu setzen begannen (sofern dies nicht ohnehin schon immer mit der Idee „Amerika“ verbunden war). Linker „Antiamerikanismus“ hatte schon vorher weitgehend im Vorwurf bestanden, daß die USA nicht amerikanisch genug wären, also ihren Egalitarismus nicht konsequent genug umsetzen würden, was auch impliziert hätte, keinen Krieg in Vietnam zu führen, sondern sich in Übereinstimmung mit der erhebenden Roosevelt-Stalin-Koalition für ein kommunistischen Vietnam hätten einsetzen müssen. Dementsprechend sind aus den ehemaligen Kommunisten in Osteuropa (Ausnahme Rußland und Serbien) die nachdrücklichsten Amerika-Anhänger geworden, so wie umgekehrt die USA ihr Interesse am Antikommunismus verloren haben, der sogar in der neuen Feindstellung zur Volksrepublik China nahezu völlig fehlt. Dabei darf nicht vergessen werden, daß die Sowjetunion ursprünglich als multikulturelles Gebilde konstruiert war, was Ex-Kommunisten das Verständnis erleichtert, daß die USA das darstellen (könnten), was einst als Sowjetunion angedacht war.

Die als neu erscheinende Entwicklung in den USA, die einen erklärten „demokratischen Sozialisten“ zum Präsidenten hätte machen können (und vielleicht noch machen wird), ist wiederum nicht so erstaunlich, weil die bekannten Analysen zur Frage, warum es in den USA keinen Sozialismus gäbe, grundlegend verkennen, daß die mit Sozialismus verbundenen Ideologiekomplexe in den USA ihren Ausdruck im Progressismus fanden, welcher dann in einen „Liberalismus“ umgeformt wurde, der in den USA weitgehend als synonym für „Sozialismus“ steht. Diese amerikanische Sozialismusvariante hat ausgereicht, unter dem Demokratie-Präsidenten Wilson das erste totalitäre Regime im 20. Jahrhundert zu errichten, was dann unter Präsident Roosevelt, dem Verbündeten des Links-Demokraten Stalin, im Sinne einer „entfernten Verwandtschaft“ mit dem europäischen Faschismus einen Nachklang hatte. Die amerikanische Sozialismusvariante kann denn auch als „liberaler Faschismus“ beschrieben werden, was historisch nicht unbedingt eine feindliche Fremdzuschreibung war, sondern durchaus dem Selbstverständnis mancher Anhänger des New Deal entsprach. Im Zentrum desselben stand eine an die Grundsätze einer Kriegswirtschaft angelehnte Wirtschaftspolitik, die dabei erst mit wirklichem Kriegseintritt der USA im Sinne der Vollbeschäftigung tatsächlich funktioniert hat. Die Democratic Party der USA ist damit zur eigentlichen Kriegspartei geworden, die entsprechend den Vorgaben des Progressismus immer nach einem „moralischen Äquivalent des Krieges“ Ausschau hält, was dann mit massiver Staatspropaganda umgesetzt wird wie derzeit etwa die „Klimarettung“.

Immerhin hat sich das amerikanische Verfassungssystem (was kein Grundgesetz darstellt, sondern strukturell eher an die Bismarcksche Reichsverfassung gemahnt), mit dem die Gründungsväter den „levelling tendencies of democracy“ (also die noch nicht so genannten sozialistischen Tendenzen) entgegenwirken wollten, als stabil genug erwiesen, totalitäre Neigungen zu vorübergehenden Erscheinungen werden zu lassen. Sozialistische Politik wird sich daher (soweit vereinbar auch mit der realistischen Schule der Außenpolitik) mehr außenpolitisch durchsetzen lassen, wozu vor allem die Einführung einer politischen Welteinheitswährung zählt, die in EU-Europa weltexperimentell als Euro praktiziert wird. Dann ließen sich unter einer virtuellen Weltregierung Welterlösungsprojekte unbeschränkt finanzieren, wobei dann die Staatsfinanzierung das Privateigentum wirtschaftlich weitgehend bedeutungslos machen würde. Bis dann durch faktische Abschaffung der Staaten der eigentliche Sozialismus endlich verwirklicht werden kann, müssen sozialistische Ideen etwa durch political correctness, d.h. Gleichheit des demokratischen Denkens, rassistischen Antirassismus (als Transformation des ursprünglichen Rassismus des Progressismus) und Verminderung der Bedeutung der dem Gleichheitsgedanken entgegenstehenden Familien vorbereitet werden. Für letzteres steht etwa die demokratische Präsidentschaftsbewerberin Clinton, die den Minderjährigkeitsstatus abschaffen will, damit sich Kinder von ihren Eltern scheiden lassen können und durch eine „policy of meaning” (staatliche Sinnstiftung) Erwachsene lernen, alle Kinder als ihre eigenen Kinder zu betrachten.   

Dann könnten vielleicht die Paradoxien des Egalitarismus aufgelöst werden, nach dessen Bewertung selbst freie Wahlen ein eigentlich undemokratisches Verfahren darstellen müssen: „An election is after all a highly undemocratic proceeding; the very term means discrimination. How is it possible to choose the best man when by definition there is no best”, so daß dem Amerikanismus vorgeworfen werden muß, einen Doppelstandard praktizieren zu müssen, um entgegen den ideologischen Prämissen das eigene legale Funktionieren zu gewährleisten (in der Tat regieren Sozialisten dann am erträglichsten, vielleicht sogar erfolgreich, wenn sie sich nicht an ihre Ideologie halten). Dies macht dann auch das gesamte Wirtschaftssystem, den „Kapitalismus“ illegitim, wenngleich man ihn noch hinzunehmen hat, bis die dem Egalitarismus wirklich entsprechende Lösung gefunden ist. Der Amerikanismus fördert eine „diversity“, die den „white male“ zum multikulturellen Hauptproblem, zum „Jew of liberal fascism“, macht. Mit der Ideologie des environmentalism kommt dann noch die dunkle Vorstellung eines Rousseau von der Krankheit der westlichen Zivilisation zum Ausdruck. Dies kann zumindest theoretisch zur Vorstellung einer Endstufe des Egalitarismus dahingehend radikalisiert werden, daß wenn jeder bis zur Identität gehend mit jedem identisch ist, also nunmehr wirklich ganz gleich ist, der Mensch letztlich überflüssig ist – was sich dann tatsächlich als das Ende der (menschlichen) Geschichte definieren ließe.

Die amerikanische Zivilreligion, mit der man die verfassungsrechtliche Trennung von Staat und Kirche als zentraler Vorschrift des die politische Freiheit garantierenden Verfassungsrechts durch Vereinigung von Staat und (so etwas wie) Religion als „Nation mit der Seele einer Kirche“ umgehen kann, ist mit derartigen Endzeiterwartungen (second coming of Christ) verbunden, die sich vielleicht doch am überzeugendsten mit einem expliziten Sozialismus zum Ausdruck bringen könnten. Amerikanische Anhänger des Sozialismus, die immer zahlreicher zu werden scheinen, müssen dabei bestreiten, daß die Sowjetunion, Kuba etc. irgendwas mit Sozialismus zu tun gehabt hätten. Wie der Bundesdeutsche aus seiner staatlich angeordneten Vergangenheitsbewältigung weiß, wollen Leugner und Relativierer genau dies verwirklichen, was sie leugnen, zumal auch die offizielle amerikanische Politik kommunistische Massenverbrechen nie in der Weise zu einem weltanschaulichen Problem gemacht hat wie man dies erwarten könnte, ginge es wirklich um ein humanitäres Anliegen.

Selbstverständlich (und erfreulicher Weise) ist nicht gewährleistet, daß sich die amerikanische Sozialismusvariante explizit oder auch nur implizit verwirklicht – dies wird etwa durch eine an sich als eher unwahrscheinlich anzusehende Präsidentschaft eines Donald Trump als im Kern Protest der noch europiden Bevölkerungsmehrheit gegen derartige Tendenzen oder gar mittelfristig durch Auseinanderbrechen der USA verhindert. Aber die ideologischen Auswirkungen, die der amerikanische Egalitarismus in amerikanischen Einflußzonen entfaltet, wird etwa dazu führen, daß sich die deutsche Christdemokratie von einem – wenngleich nicht mehr offen so propagierten – christlichen Sozialismus nicht weiter entziehen wird können. Linksextreme CDU-Leute werden Koalitionen mit der Ex-Stasi-Partei Die Linke befürworten, zumindest durch Koalitionsverweigerung mit einer Rechtspartei dem Wählerwillen widersprechend die Verwirklichung von Sozialismus ermöglichen. Aktuelles Beispiel:  Um keinen AfD-Politiker zum Vorsitzenden des Bundestagsinnenausschusses wählen zu müssen, überläßt man dieses Amt wohl im immerwährenden Provisorium einer sehr wohl von der CDU mitgewählten Bundestagsvizepräsidentin, einer Ex-SED-Genossin und FDJlerin! Dies versteht der implizite christliche Sozialismus von CDU / CSU im neuen Zeitalter des Amerikanismus dann unter „Rettung von Demokratie“, praktiziert als Sozialismusverwirklichung!                    

Hinweis
Der vorliegende Beitragstellt eine Ergänzung zum Werk des Verfassers dar:

Josef Schüßlburner
Roter, Brauner und Grüner Sozialismus. Bewältigung ideologischer Übergänge von SPD bis NSDAP und darüber hinaus,
2008, Lichtschlag Medien und Werbung KG, 24,80 Euro
ISBN-10: 3939562254, ISBN-13: 978-3939562252
Dieses Buch ist im März 2015 in unveränderter 3. Auflage wieder erschienen und nunmehr auch in einer Kindle-Edition für 6,99 Euro erhältlich.

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