Universelle Religion und Staatenvielfalt

Universelle Religion und Staatenvielfalt – Eine religionsgeschichtliche Betrachtung zu Monotheismus und Völkerpluralismus

Josef Schüßlburner

Der für die reale Ermöglichung von Demokratie erforderliche Staatenpluralismus, der Partikularismus des Politischen, ist einer grundsätzlichen Herausforderung durch den Universalismus der Weltreligionen ausgesetzt, der die Gleichung nahelegt: Ein Gott – ein Weltstaat – eine Menschheit (ursprünglich: ein Gott – ein (Welt-)Reich – ein (Welten-) Herrscher). Im westeuropäischen Christentum hat man diesen Konflikt schließlich durch die Trennung von Religion und Politik aufgelöst; zu dieser Trennung von Religion und Politik gehört auch das Verständnis, daß die Politik partikulär ist, während eine wirkliche Religion und die von dieser vertretene Moral universell zu sein hat. Der Partikularismus des Politischen, welcher die Entwicklung zur neuzeitlichen Demokratie ermöglicht hat, konnte auf diese Weise mit dem Universalismus des Monotheismus kompatibel gemacht werden und man mußte dann nicht auf pagane Konzepte des antiken (demokratischen) Polytheismus zurückgreifen, wonach jedes Volk seine speziellen Gottheiten hat, welche die jeweilige partikulare Herrschaft demokratiereligiös legitimieren.

Mit diesem Konzept, das in (West-)Europa über mehrere Stufen verwirklicht werden konnte und Bedingung für dessen Fortschrittlichkeit darstellt, kontrastiert vor allem die Entwicklung im islamischen Bereich. Der Islam besteht aufgrund seiner mangelnden Unterscheidung von Religion und Politik (sofern es überhaupt ein spezifisches Politikverständnis gibt) auf einer universalen Herrschaftsausübung. Da diese jedoch (glücklicherweise!) nicht gelingt, fehlt fast allen islamischen Staaten die wirkliche Legitimität, welche die Verwirklichung von Demokratie erlaubt.

Das europäische Erfolgskonzept des politischen Partikularismus durch Trennung von (demokratischen) Staat und (universeller) Religion wird jedoch nicht nur durch den Islam / Islamismus in Frage gestellt, sondern durch einen politischen Universalismus, der mit seinen Prämissen der Demokratie entgegen gerichtet ist, die notwendigerweise partikulär ist, da sie als Weltstaatsdemokratie nie zu verwirklichen sein wird. Der politische Universalismus benötigt zur Überwindung der Realität eine starke Zivilreligion, welche die bestehenden Religionen politisch einebnet und aus Katholizismus, Protestantismus etc. Unterabteilungen der universalistischen Zivilreligion macht und sich dabei die wirklichen Religionen und Konfessionen als „Überreligion“ unterordnet. Die Unterscheidung von Politik und Religion wird dann von der politischen Sphäre her eingeebnet. Bei der Analyse der US-amerikanischen Zivilreligion, die Ausgangspunkt der verkündeten universalistischen „demokratischen“ Zivilreligion ist, kann aufgezeigt werden, wie das apostolische Glaubensbekenntnis zu formulieren wäre, um etwa den Katholizismus für den politischen Universalismus letztlich der amerikanischen Weltherrschaftsbestrebungen kompatibel zu machen.

Dieses Konzept des politischen Universalismus scheint zumindest ideologisch durchaus erfolgreich zu sein, weil es erkennbar zahlreichen überzeugten Christen in den europäischen Staaten zunehmend Schwierigkeiten bereitet, für die nationalstaatliche Demokratie einzutreten. Vielmehr sehen sie sich verpflichtet, für „Europa“, „NATO“, „Weltstaat“ und illegale Einwanderung von Menschen einzutreten. Dabei wendet sich dieser politische Universalismus nicht förmlich von der Demokratie ab, er verkündigt diese sogar als universelles Herrschaftskonzept, allerdings nicht (notwendigerweise) in dem Sinne, daß überall demokratisch regierte Nationalstaaten entstehen sollten, sondern daß so etwas wie ein „demokratischer Weltstaat“ (unter US-Führung) entsteht. Um dies propagieren zu können, muß das Demokratiekonzept religiös zum Glaubenssystem umgewertet werden, welches die christlichen Denominationen gefährdet, aber vielleicht als islamaffin eingestuft werden kann. Die maßgeblichen Kirchenvertreter scheinen allerdings die Gefährdung der religiösen Überzeugungen (Dogmen) durch den politischen Universalismus nicht erkennen zu wollen oder stimmen diesem zumindest stillschweigend zu.

Das mit dem politischen Universalismus mit religiösen Parolen angestrebte Konzept wird nicht aufgehen, weil auch ein „demokratisch“ genannter Weltstaat aus den gleichen weltlichen Gründen der Gesamtheit der Nationalstaaten unterlegen sein wird wie die in einem Unternehmen zusammengefaßte sozialistische Gesamtwirtschaft der Konkurrenz der partikularen Privatunternehmen immer – und zwar erheblich – unterlegen war. Man sollte daher die Unterscheidung von Staat / Politik und Religion in deren beiderseitigen Interesse beibehalten und sich nicht mentalitätsmäßig gewissermaßen „islamisieren“ wie es Ziel der „demokratischen“ Zivilreligion ist.

Hinweis
Der vorliegende Beitrag ist ursprünglich erschienen als Beitrag des Verfassers zu dem im Ares-Verlag 2006 erschienenen Werk von Wolfgang Dewald / Klaus Motschmann (Hg.), Kirche Zeitgeist Nation. Gewandelte Religion, verändertes Volk? (s. dort S. 190 bis 213)

)

Die Redaktion von www.links-enttarnt.de bedankt sich beim Ares-Verlag für die Erlaubnis zur online-Stellung dieses Beitrags auf dieser Internetseite.

„Universelle Religion und Staatenvielfalt“